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Schnitt KITZMANN ARCHITEKTEN
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Schnitt KITZMANN ARCHITEKTEN

Handels- und Bürohaus in der Hamburger Innenstadt

Der Neue Wall ist eine schnurgerade gezogene Straße in der Hamburger Altstadt. Sie wurde Anfang des 18. Jahrhunderts nach der Schleifung von Befestigungsbauten angelegt. Das erste hier errichtete Haus, „vornehmster Vertreter“ jener „klaren, verstandesmäßig nüchternen französischen Kunstrichtung, des sogenannten Hugenottenstils“, so Christoph Ranck 1914 in „Hamburg und seine Bauten“, war das Palais Görtz von 1710. Von dem in Hamburg einzigartigen Barockbau blieb zwar beim Wiederaufbau nach 1945 nur noch die Straßenfassade mit vereinfachten Fensterteilungen übrig, sein Gesicht aber bestimmt bis heute den architektonischen Gehalt des Ortes.

Diesen prominenten Nachbarn zur Linken, von ihm nur durch eine schmales, formal außerordentlich zurückgenommenes Bürogebäude der Architekten Bothe Richter Teherani getrennt, entstand das Bornhold-Haus. Es ersetzt einen nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges errichteten provisorischen Flachbau des Einrichtungshauses Bornhold und erinnert mit seinem Namen an diesen einflussreichen, stilbildenden Wegbereiter modernen Wohnens in Hamburg. Damit schließt sich auch die letzte Lücke in der Bebauung einer Geschäftsstraße, die zu den zehn führenden Luxus-Einkaufsstraßen in Europa zählt. Der rechte Nachbar ist das Paulsen-Haus von 1908, ein für den Jugendstil typisches Hamburger Kontorhaus mit reich ornamentierter Sandsteinfassade.

In diesem lebendigen innerstädtischen Kontext hat das Haus seinen Platz gefunden. Inmitten eines Zeitsprungs von zweihundert Jahren Baugeschichte und einem Höhenunterschied der Traufen von zwölf Metern wahrt es die Balance zwischen städtebaulicher Vermittlung und architektonischer Eigenständigkeit.

Sein Fassadenrhythmus aus markanten Pfeilerstellungen und feinen Fensterstrukturen mit tiefenwirksamen Leibungen erzeugt das Bild eines Geflechts sich überlagernder, einander durchdringender Ebenen. Was beim Blick aus der Straßenperspektive ruhig, geschlossen und steinern erscheint und sich in das Raumbild des Neuen Walls einfügt, offenbart beim Frontalblick schlanke, raumhohe Fensterelemente und damit in neuer Form ein verbreitetes Gestaltungselement jener Geschäfthausarchitektur, die den großstädtischen Charakter des Neuen Walls prägt. Die Innenräume gewinnen dadurch maximale Helligkeit. In der Ebene versetzt angeordnete gläserne Brüstungen unterstreichen die Feinkörnigkeit der Fassadentextur, und der Kontrast des hellen portugiesischen Kalksteins zu den dunklen Bronzerahmen der Fenster sowie des zweigeschossigen, eingerückten Eingangs steigert seinerseits diese Wirkung.

Ein siebengeschossiger Turm greift rechts die hohe Bebauung des Neuen Walls auf. Dank der in ihren Dimensionen zwar verhaltenen, plastisch jedoch wirksamen Rücksprünge und Staffelungen beginnt dann eine stufenweise Annäherung an das Palais, um ihm schließlich angemessen zu begegnen.

Die dreigliedrige Kubatur des großen Hauses entwickelt sich auf einem H-förmigen Grundriss, einer optimalen und gut gliedernden Erschließungsform, und ist auch eine Reminiszenz an die ursprünglich drei gründerzeitlichen Gebäude, die hier einmal standen. So konnten zwischen der Straßenseite mit ihrem urbanen Charakter und der rückwärtigen Wasserseite große, gärtnerisch gestaltete Innenhöfe mit Holzdecks als Orte der Ruhe mitten in der Stadt entstehen.

Der zweigeschossige Eingang mit einer Galerieebene, die in abstrahierter Form das Mezzanin früherer Kaufmannshäuser aufgreift, bildet das angemessene Entree für die großzügigen Büroräume mit ihren geschosshohen Eingängen und Fenstern. Für die Ausstattung wurden wertvolle, traditionelle Materialien wie Eiche, Bronze und Naturstein verwendet, in handwerklicher Qualität verarbeitet und grundsätzlich klar definiert voneinander getrennt. Die auf eine minimalistische Formaussage zielende Detailentwicklung erfolgte dagegen ohne Rückbindungen an tradierte Gestaltungsmuster, sondern im Werkverständnis unserer Zeit. Beiläufig und unangestrengt entwickelt sich aus diesem Wechselspiel zwischen vertrauten Materialien und funktionaler Ästhetik ein warmer Grundton, der die Harmonie der Innenwelt des Hauses bestimmt.

BDA Hamburg Architekturpreis 2010 | Würdigung

Credits: Kitzmann Architekten
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