Landschaftsarchitektur für den Khodynka Park Moskau

Annika Freese Annika Freese
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Am 31. März dieses Jahres wurde der Wettbewerb um die Gestaltung des Geländes rund um den ehemaligen Militärflughafen in Moskau entschieden. Gewinner der Ausschreibung ist das deutsch-italienische Team des Landschaftsarchitekten Andreas Kipar von LAND Milano gemeinsam mit Mario Cucinella Architekten und Thomas Schönauer von LEFTLOFT.
Die Ausschreibung für den Khodynka Landschaftspark Moskau, der sich nordwestlich des Stadtzentrums befindet, beinhaltete die Aufgabe, ein landschaftsarchitektonisches Konzept für die knapp 40 ha große Brache zu entwickeln, die seit der Stilllegung des Flughafens dort existiert. Rund um die neu zu gestaltende Fläche wird bereits seit etwa zwei Dekaden gebaut, das gesamte Areal soll durch die Maßnahme zu einer erhöhten Lebensqualität für die Anwohner der umliegenden Gebiete beitragen und die Potenziale der riesigen Freifläche gezielt ausnutzen. Die Jury des Wettbewerbs hat darum ganz besonderen Wert auf die öffentliche Zugänglichkeit und Erreichbarkeit des Parks gelegt. Zudem stand Entwicklung eines lebendigen Konzepts für Sommer und Winter im Fokus der Bewertung. Andreas Kipar ist der Gründer der interdisziplinär arbeitenden Planungsgruppe LAND (Landscape -Architecture -Nature - Development ), die nun zu den Gewinnern der Ausschreibung gehört und wir haben mit ihm über die Zukunft des Khodynka-Parks gesprochen und uns das Konzept und die Pläne etwas genauer erläutern lassen.

Grün und interaktiv

Bei dem Projekt ging es darum, einen grünen und interaktiven Park zu entwerfen und zu bauen. Bereits seit einiger Zeit sind die Rufe nach einem neuen Konzept für die Brache lauter geworden – veränderte politische Verhältnisse und auch die Initiative von Bürgern in Form eines Vereins zur Nutzbarmachung des Parkgeländes machten eine Sehnsucht nach gezielten Neuerungen, erweiterter Infrastruktur und landschaftsarchitektonischen Interventionen auf der riesigen Fläche deutlich.
Vor allem den direkten Anwohnern ging es darum, endlich einen Park in Wohnnähe zu haben, aus dem Haus zu treten und sich irgendwo frei fühlen zu können. Jeder, der Moskau kennt, weiß, dass derartige Flächen in der Metropole rar sind. Und genau hier hat das Team um den Landschaftsarchitekten Kipar angesetzt. Er selbst sagt, dass einer der Gründe für den Erfolg im Wettbewerb sicher auch war, dass sein Team diesen Wunsch nach Freiheit ernst genommen habe. Dass bei der Gestaltung auf Formalität weitestgehend verzichtet wurde, erkennt man einerseits an fehlenden geraden Linien und Achsen, andererseits an einer sehr deutlichen Idee von freien Naturformen, die sich ganz organisch durch ein “Umpflügen” des Bodens im übertragenen wie im buchstäblichen Sinne ergeben. Es werden viele kleine Flächen entstehen, die sich wie ein Puzzle am Ende zusammenfügen zu einem großen Ganzen. Kipar erwähnt in diesem Zusammenhang auch die Idee der “Matrjoschka”, die als Sinnbild fungiert und ein Symbol ist für die große sowjetische Formalität, aus der man herausgeht und hineinkommt in eine eher kleinteilige russische Mentalität. Es geht also bei der Parkgestaltung auch um eine Art der Repräsentation der Russischen Seele im Heute – weg vom sowjetischen Großdenken und hin zu einem neuen “Komfortdenken” mit eher kleinteiligen und überschaubaren Bezugssystemen.

Gemeinsam Bäume pflanzen

Und nun geht es darum, diesen Prozess möglichst schnell in Gang zu bringen, Bäume zu pflanzen und den Boden damit in jeder Hinsicht fruchtbar zu machen. Eine wichtiger Bestandteil des Konzepts in diesem Zusammenhang ist auch, den Akt der Bepflanzung gemeinsam mit den insgesamt etwa 50.000 Anwohnern zu realisieren. Auf diese Weise werden Bewohner und neue Parkanlage miteinander verbunden – es gibt eine Dynamik, die identitätsstiftend ist und durch die ein ganz anderer Bezug zwischen Menschen und Landschaft hergestellt wird. Kipar hat in diesem Bereich Erfahrung: Bereits vor 30 Jahren begann er ein ähnliches Projekt auf diese Art und bezog die Einwohner Mailands als “Baumpflanzer” in die Gestaltung eines neuen Parks mit ein. Heute ist daraus eine der größten und bedeutendsten Parkanlagen der Stadt geworden. Und auch hier schwebt ihm vor, den Park während der Bauphase nicht durch einen Bauzaun abzusperren, sondern die Prozesshaftigkeit als Konzept zu nutzen und den Menschen eben nicht den Blick auf das Werden ihres Parkes zu verstellen. Die Idee des gemeinsamen Wachsens steckt dahinter und soll dazu führen, dass der Park schnell zu einem lebendigen Stück des Alltags der Menschen werden kann.

Ökologisch nachhaltig

Konkret soll dies so aussehen, dass bereits in den kommenden Tagen eine Entscheidung über die ersten ein bis zwei Hektar zu bepflanzender Fläche gefällt werden soll, auf welcher man dann flugs gemeinsam beginnt, Bäume zu pflanzen. “Und zwar vorerst wirklich nur Bäume – es sollen keine Infrastrukturen entstehen, sondern nur Grün, Grün und nochmals Grün! Denn alles andere kann man angehen, während die Bäume wachsen”; so die Idee Andreas Kipars. Und welche Ideen hat man konkret für die Bepflanzung und Bebauung? Kipar sagt, man habe sich bereits mit den Bedingungen vor Ort vertraut gemacht, geklärt, welche Pflanzen vor Ort gut gedeihen und auch wie man mit Bodenbelägen umgeht. In diesem Zusammenhang schien es auch sinnvoll, den Fokus auf ein ökologisch nachhaltiges Konzept zu legen. Es soll vermieden werden, viele Tonnen Muttererde aus dem Umland in die Stadt zu transportieren. Stattdessen soll eben genau durch das Umpflügen der alten Erde und durch anschließendes Pflanzen von Bäumen der Boden endlich wieder fruchtbar gemacht werden – und das in jedem Sinne!

Integration statt Rückbau

Ganz wichtig ist für Kipar auch das Thema “Rückbau” – oder in diesem Falle besser gesagt “KEIN Rückbau”. Eine Maxime, die auch mit einem gewandelten Verständnis von Landschaftsarchitektur im Allgemeinen zu tun hat. Es geht um die Vermeidung von Abriss und sogenannter “Tabula-rasa-Kultur”: In diesem Zusammenhang erklärt uns Kipar, dass ein bereits vorhandener “zaghafter ornamentaler Ring zur Bebauung hin” auf dem Parkgelände auch so erhalten bleiben wird. Integration statt Rückbau heißt die Devise und Kipar sagt uns dazu: “Es gibt keinen Bedarf, etwas, was schon gebaut ist, wieder zurückzubauen, sondern es gibt nur noch den Bedarf, das was da ist, zu verbessern. Auf dem Bild sehen wir, dass es hinter dem Moderationsstreifen in Form der ehemaligen Landepiste erstmal eine kleine Pause gibt und dann fängt der Park an.’ 

Das ist so eine ganz kleine Abgrenzung, wo man noch einmal einatmet und dann ist man drin. Diese Art der Landschaftsplanung könne man schon in den alten Parks studieren, es gehe um Aha-Effekte, um “Schwellen, über die man geht, atmet, und dann ist man wieder in einem anderen Raum’.

Skulpturen und Entertainment

Ein weiteres wichtiges Element in dem Entwurf für den Khodynka Park ist Kunst. Der Park grenzt direkt an das Moskauer Museum für Moderne Kunst und diese Nähe soll auch thematisch innerhalb des Parks ausgedrückt werden. Zu diesem Zweck wurde mit dem deutschen Künstler Thomas Schönauer ein sehr offenes Kunstkonzept für den Park entworfen. Vor dem Museum gibt es eine “offene Kunstwiese”. Wie man auf dem vorherigen Bild deutlich sehen kann, soll ein großer runder Platz mit einem Springbrunnen enstehen. Der runde Platz mit der danebenliegenden ehemaligen Abflug- und Landepiste ist wie eine Lichtung zu sehen und gleichzeitig als eine Art Projektionsfläche zu begreifen, die gemeinsam mit verschiedensten Akteuren “bespielt” werden muss. Die Landebahn soll als ein mobiler Ort verstanden werden, der ebenfalls zum Aktionsraum werden soll. Letztlich geht es darum, hier einen Austauschraum, eine Art “Scharnier” zwischen dem Innen- und dem Außenraum des Parks zu schaffen. Kipar sagt, diese schon vorhandenen Flächen wie Landebahn und andere Arten bereits existierender Bebauung innerhalb des Parkgeländes müssten zu Moderationsflächen werden – also zu Orten, die den Austausch befördern, die zu Kommunikation in jedwedem Sinne anregen sollen. Ein Bestandteil dieses Konzeptes sind die erwähnten Kunstobjekte und Skulpturen, die eine wichtige Komponente des Gesamtkonzeptes ausmachen.

Kunst als Konzept

So werden die Kunstobjekte im Park in etwa aussehen. Neben den Skulpturen wird es auch begehbare Pavillions geben, die für unterschiedliche Nutzungsvarianten zur Verfügung stehen. Die Idee hinter dieser Art der intensiven Nutzung ist nicht nur rein ästhetischer Natur: Vielmehr kann man auf diese Weise den Park zu jeder Zeit beleben und damit auch zur Sicherheit auf dem Gelände beitragen. Das Verständnis des Parks als eine Art sozialer Raum erhöht den Wert des Geländes in vielerlei Hinsicht. Kleinkriminalität kann auf diese Weise deutlich verringert werden und damit den Komfortfaktor gleichzeitig erhöhen. Klar definierte Eingangsbereiche und leichte Zugänglichkeit sind Bestandteile dieses Konzeptes ebenso wie ein gut organisiertes Management, die die Aktivitäten im Park organisiert und betreut. Geplant sind gelegentliche Veranstaltungen mit Event-Charakter wie Fashion-Shows, Open-Air-Veranstaltungen und Bühnenshows und regelmäßig geöffnete Grillrestaurants, Cafés, Kioske und Sportbereiche.

Zauberwelt Khodynka-Park

Mit diesen verschiedenen Ansätzen trifft Kipar zudem auch ziemlich genau den Nerv der russischen Seele, denn durch viele Gespräche mit Kollegen und Assistenten vor Ort wurde deutlich, die Architektur des Parks müsse in der Lage sein, immer wieder neue Spannung aufzubauen, denn spannungslose und eher kontemplative landschaftsarchitektonische Herangehensweisen würden gerade die russische Seele ein wenig in Verzweiflung bringen. “Es braucht immer eine gewisse innerliche Spannung. Sonst kommt Melancholie auf. Und zuviel Melancholie sollte im Park allein nicht aufkommen.” Kipar sucht hier bewusst den Vergleich zum Gorki-Park, wo es an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt, wo stets Bewegung und Aktivität herrscht, und somit das Gefühl kreiert wird, man sei in einer ganz anderen, irgendwie verzauberten, natürlichen Welt. Er sagt: “Und diesen kleinen Zauber, den wollten wir da auch hineinpacken. Da haben wir noch etwas zu tun… ”
Wir wünschen Andreas Kipar und seinem Team viel Erfolg bei diesem Vorhaben und sind uns sicher, dass der Park zu einem ganz bezaubernden Fleckchen Erde in der Moskauer Innenstadt werden wird.

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